Killerkommunikation: So wird man sie los

Wir schreiben das Jahr 1846. Ignaz Semmelweis, ein junger ungarischer Chirurg, arbeitet als Geburtshelfer am Kaiser-Joseph-Krankenhaus in Wien. Von Bakterien weiß man damals noch nichts. Durch Beobachtung findet Semmelweis aber heraus, dass, wenn man seine Hände vor jeder Behandlung gründlich desinfiziert und alle benutzten Instrumente sterilisiert, die Sterberate durch Kindbettfieber erheblich sinkt. Statt nun den Mediziner zu feiern, wird seine Entdeckung als „spekulativer Unfug“ negiert und angefeindet. Schließlich wird er sogar entlassen.

Die Kollegen wollten einfach nicht wahrhaben, dass sie, weil sie es an Hygiene mangeln ließen, selbst die Ursache der hohen Sterblichkeit waren. Nach seinem Rauswurf stieg die Mortalität der Mütter nach der Entbindung wieder dramatisch. Doch Semmelweis wurde Zeit seines Lebens von Ärzte-Kollegen gehasst, gemieden und ausgegrenzt. Letztlich starb er in einer Nervenheilanstalt. Dabei hat er das Leben von Millionen Menschen gerettet. Seitdem spricht man vom Semmelweis-Reflex, wenn eine Idee, die etablierten Verhaltensweisen und verbreiteten Überzeugungen widerspricht, reflexartig erst einmal abgelehnt und der Urheber eher bekämpft als unterstützt wird.

Weshalb nur ist die Ablehnung des Neuen oftmals so groß?

Vielen Größen der Geschichte ist es so oder ähnlich ergangen. Manche landeten in der Verbannung, am Galgen oder auf dem Schafott. Nikolaus Kopernikus wagte erst auf dem Sterbebett, sein heliozentrisches Weltbild, bei dem nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt steht, zu veröffentlichen. Und erst vor wenigen Jahren hat Ex-Siemens-CEO Joe Kaeser Elon Musk als Kiffer bezeichnet, der von Peterchens Mondfahrt träume. Doch siehe da: Längst führt Musks Firma SpaceX kommerzielle Flüge ins Weltall durch. Die dazu benötigten Raketenstufen kommen heil zur Erde zurück und sind wiederverwendbar, etwas, das nicht mal der NASA gelang.

Doch warum nur ist solche Abwehr, wenn auch heute gemildert, immer noch gängig? Viele wittern im Neuen eine dubiose Gefahr, die man besser gleich bekämpft. Manche quält das Gefühl, dass ihr Ego beschädigt wird und sie an Macht verlieren, wenn jemand ausgerechnet „ihr Baby“ vom Podest holt. Andere plagt die Erfolgsarroganz. Wem alles gelingt, der glaubt gern, dass es einfach immer so weitergeht. Und dann ist da noch Ignoranz. „Die Tanzenden wurden für verrückt erklärt von denjenigen, die die Musik nicht hören konnten“, so ein Zitat, das man Friedrich Nietzsche zuschreibt.

Risiken meiden: In vielen Organisationen die bessere Wahl

Wer fest im Sattel sitzt, hat keinen Bock auf Experimente. Sie bergen das Wagnis des Scheiterns. Eine größere Fehlentscheidung, Budget in den Sand gesetzt, Zielzahlen nicht geschafft, und man ist Geschichte. Folgt man hingegen den Regeln und einem vorgegebenen Plan, hat man nichts zu befürchten. So sind die Geht-nicht-Sager, Vorgesternbewahrer und Bremsklotzunterschieber weit verbreitet. Oft sind sie die ersten im Meeting, die das Wort ergreifen, wenn eine neue Idee vorgestellt wird.

Und wie kommt es, dass sie so viel Gehör bekommen? Dazu hat die Harvard-Professorin und Kreativitätsforscherin Teresa Amabile verschiedene Experimente durchgeführt. Sie fand heraus, dass Kritiker oft als intelligenter wahrgenommen werden, man spricht ihnen ein spitzfindigeres Urteilsvermögen zu. „Schwarzseher erscheinen leicht als scharfsinnig und weitsichtig, während positive Äußerungen schnell als naiv abgetan werden“, sagt sie. Ein simples „toll“ ist eben nicht sonderlich überzeugend.

Neue Ideen sind zerbrechlich und werden leicht totgetrampelt

Neuartige Ideen sind zunächst zarte Pflänzchen und werden leicht totgetrampelt. Jede Veränderung hat ja bekanntlich Beteiligte, Beleidigte, Betroffene und Befürworter. Sie setzt Hoffnungen und Befürchtungen frei. Sie erfordert zunächst Einsicht, dann loslassenden Abschied von lieb gewonnenen Gewohnheiten und dann ein überzeugtes Ja für das Neue. Dies liegt noch lange nicht jedem. So ersticken nicht selten Besitzstandswahrung oder Mutlosigkeit jedes kreative Denken und Handeln im Keim.

Sondiert im Unternehmen also ruhig mal per einfacher Strichliste: Wie oft reden wir denn hier über das, was nicht funktioniert? Und wie viel läuft denn wirklich schief? Wie oft ist ein Negativfall denn tatsächlich eingetreten — oder in der Realität zu befürchten? Wie viele Kunden sind denn ganz und gar schwierig? Um wie viel besser ist die Konkurrenz denn zweifellos? Oder hat sie vielleicht nur die Beschäftigten mit der besseren Einstellung am Start?

Killerphrasen bringen ganze Unternehmen zum Stillstand

Damit der Sprung in die Zukunft gelingt, muss Altes beiseitetreten. Doch Etablierte und gut Situierte sehen dabei vor allem das, was sie verlieren. So kann es passieren, dass frische, freche, fortschrittliche Ideen mit Totschlagargumenten abgeschmettert oder mit Killerphrasen zu Fall gebracht werden. Wo das toleriert wird, kommt ein ganzes Unternehmen zum Stillstand. Killerphrasen versauen das Klima und eisen alles ein.

Die größten Innovationsblocker sind die eigene Bequemlichkeit („Dafür haben wir jetzt keine Zeit!“), die Angst vor Neuem („Das haben wir noch nie so gemacht!“), Reviergehabe und das Nicht-hier-erfunden-Syndrom („Sie haben doch überhaupt keine Ahnung, wie das hier bei uns läuft!“). Oft wird es persönlich: „Seien Sie doch nicht so naiv!“ Oder höhnisch: „Sie wollen was ändern? Die Phase hat am Anfang hier jeder. Das geht vorbei.“ Oder recht bissig: „Was mischen Sie sich hier ein?!“ Oder ganz unverbindlich: „Lass mal, das schafft zu viel Unruhe jetzt, warten wir lieber noch ab.“

Auf manche Phrasen fällt man auch schnell mal herein. „Das machen wir doch schon“, ist eine solche. Da muss nachgefragt werden: Wie denn genau? Wie früher? Wie immer? Wie alle? Oft wird das neue am Neuen auch gern überhört, weil unser Gehirn das Vertraute so liebt. Oder es heißt nachdrücklich: „Das lässt der Chef/unser Regelwerk/die Compliance-Abteilung nicht zu.“ In dem Fall geht man zur Quelle und fragt ganz konkret nach. Viele solcher Annahmen bestätigen sich nicht.

Friedhof für Totschlagargumente und Killerphrasen

Doch wie stoppt ihr solche Ausbremseritis und Brunnenvergifterei? Und wie schafft ihr unleidige Phrasen gekonnt aus der Welt? Zunächst braucht es eine gemeinsame Erkenntnis, dass Totschlagargumente nichts und niemanden weiterbringen. Danach beginnt ihr, diese zu sammeln. Gemeinsam werden sie dann offiziell begraben: auf einem Friedhof für Ideenkillerphrasen.

Damit sie am Ende nicht wiederauferstehen und zu Untoten werden, könnt ihr ein Poster machen, etwa so, wie es die Abbildung zeigt. Das hängt ihr an der Wand im Besprechungsraum auf. Und jedes Mal, wenn wieder so eine Aussage kommt, quietscht einer mit einem Quietscheentchen zum Zeichen, dass gerade etwas Unerwünschtes passiert. Schließlich: Lasst Platz für neue Phrasen. Da kommen sicher noch mehr.

Und ja, natürlich: Wenn euch der Friedhof zu morbide erscheint, entwickelt ein eigenes Bild, dass zum Beispiel mit Mülleimern und Frühjahrsputz zu tun haben könnte. Mehr dazu und zu weiteren Themen in meinem neuen Buch „Bahn frei für Übermorgengestalter“. Es zeigt 25 rasch umsetzbare Initiativen und weit über 100 Aktionsbeispiele, um zu einem Überflieger der Wirtschaft zu werden.

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Anne M. Schüller ist Managementdenker, Top-Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Ihr Top-Titel: Die Orbit-Organisation

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Anne Schüller

Anne Schüller

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Top-Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Ihr Top-Titel: Die Orbit-Organisation